Der wieder-gefundene Garten

Zweimal im Jahr gibt es die Programm-Zeitung mit inhaltlichen Beiträgen rund um Leben & Märchen, den wichtigsten Erzählterminen und der Präsentation neuer Programme. Die aktuelle Ausgabe hier als pdf: Zeitung-Märchen-2020 Soll sie gleich nach Erscheinen als PDF zugeschickt werden? – Einfach hier anmelden.

Bisherige Ausgaben:

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2015-01: Frühjahr 2015
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Glück ist, was vorne an deine Tür klopft…

… während du hinten im Garten nach vierblättrigem Klee suchst.

Gerade in Zeiten, die herausfordernd sind, ist das Glück im Leben immer wieder ein wesentliches Thema. Erstaunlich viele Menschen stellten im Zuge der Corona-Maßnahmen fest, dass zwar einerseits das eigene Leben von heute auf morgen radikal umgestellt wurde, dass das andererseits aber viele glückliche Fügungen mit sich brachte. Plötzlich war wieder Zeit für Dinge und Vorhaben, für die vorher keine Zeit mehr gewesen war.

Mag sein, dass auch Zeit war auf das Klopfen des Glücks an die Haustür zu hören. Der Spruch klebt bei uns an der Tür vom stillen Örtchen. Da ist Zeit und Muße ihn immer wieder zu betrachten und wirken zu lassen.

Glück hat eben auch etwas mit Wahrnehmung zu tun. Zum einen heißt es sich zuerst einmal Klarheit zu verschaffen, was denn das höchstpersönliche Glück überhaupt ausmacht. Das braucht aber seine Zeit. Und die gilt es sich zu nehmen.

Eine Geschichte, die mit faszinierender Genauigkeit auf das Auf und Ab des Lebens eingeht, kommt aus China, genauer aus der taoistischen Tradition: Ein Bauer wird von allen für seinen weißen Schimmel bewundert. Ein Bote bietet dem Bauern im Namen des Kaisers sogar viel Geld für das Pferd. »Was für ein Glück! Damit hast du ausgesorgt.«, meinen die Nachbarn. »Glück oder Unglück, wer weiß!«, meint der Bauer und lehnt das Angebot ab. Da schütteln die anderen vor Unverständnis nur die Köpfe. – Bald darauf ist der Schimmel über Nacht spurlos von der Weide verschwunden. »Das hast du davon.«, sagen die Nachbarn, »Jetzt hast du nichts – weder Schimmel, noch Geld.« – »Glück oder Unglück, wer weiß!«, meint der Bauer wieder. – Ein paar Tage später kommt der Schimmel zurück – und bringt sieben wilde Stuten mit. – »Was für ein Glück!«, rufen die Nachbarn. »Glück oder Unglück, wer weiß!«, meint der Bauer wieder. – Die Nachbarn schütteln nur ungläubig den Kopf: »Also wenn das kein Glück ist!« – Das Wechselspiel des Lebens geht weiter. Der einzige Sohn des Bauern reitet die Stuten zu. Er wird aber abgeworfen und bricht sich dabei alle zwei Füße. »Was für ein Unglück!«, rufen die Einen. »Glück oder Unglück, wer weiß!« meint der Andere. Schließlich kommt ein Bote ins Dorf. Ein Krieg sei ausgebrochen. Alle wehrfähigen jungen Männer müssen einrücken, nur der Sohn vom Bauern nicht. Er hat ja gebrochene Füße. …

Schlussendlich stellt der Bauer stellt den Nachbarn gegenüber fest: »Ihr schaut das Leben immer wie durch ein Schlüsselloch an. Sagen wir doch einfach: Eure Söhne müssen einrücken, der meine nicht. Ob das ein Glück ist oder ein Unglück, das werden wir alle noch sehen.« Nachzulesen ist die ganze Geschichte im Blog.

Viele Geschichten, die z. B. auch die »Vom Glücksvogel«, erzählen davon wie wichtig es ist, das genau zu klären, bevor man sich etwas wünscht. Die Gefahr sich zur »verwünschen« ist groß. Und auch davon erzählt eine Fülle von Überlieferungen: Von Verwünschungen und der Herausforderung sie wieder aufzulösen.

Das Schöne an Märchen ist: Sie geben auf die großen Fragen des Lebens keine fertigen Antworten. Sie liefern aber jede Menge Anregungen für mögliche Lösungen. Und so bringt‘s auch das Märchen »Da lachte die Fee«* auf den Punkt: Eine Fee ist bereit einem armen Bauern einen Wunsch zu erfüllen. Nur – was soll er sich wünschen? … Reichtum? Gesundheit? Wohlstand? Das will gut überlegt sein.

Der grandiose Münchner Dichter und Philosoph Eugen Roth reimte einmal: »Man liest zwar deutlich überall: Was tun bei einem Unglücksfall? Doch ahnungslos ist meist die Welt, wie sie beim Glücksfall sich verhält!«*

Wie schön also, wenn man eine Ahnung hat vom eigenen Glück. Ein Tipp: In einem finnischen Märchen meint das Glück zur ratlosen Heldin: »Tu einfach das, was ich kann!« Na, dann … .

*in »Das Geschenk der zwölf Monate, Märchen, Bräuche und Rezepte im Jahreskreis«, 256 Seiten, fest gebunden, mit Lesebändchen, 21 x 26 cm, Tyrolia Verlag, EUR 29,95 **aus »Von Mensch zu Mensch«, Eugen Roth, Hanser Verlag

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