Das Brennholz hat er dann mit seinem Esel in die Stadt gebracht und verkauft. Recht viel hat er dafür nicht bekommen. Aber so haben sie wenigstens auch im Winter ein wenig Geld für das Nötigste bekommen.
Einmal ist der Bauer wieder mit seinem Esel in der Stadt gewesen. Diesmal hat er das Brennholz in einer großen Villa verkauft. Wie er da in der Halle auf sein Geld gewartet hat, da hat er sich ein wenig umgeschaut. Die Augen sind im schier übergegangen vor all der Pracht. »Was es nur für einen Reichtum gibt!« hat er zu sich selber gesagt, »Am Boden liegen dicke Teppiche mit den schönsten Mustern. Ein Möbel ist prächtiger als das andere. Von der Decke hängen Luster die glitzern und funkeln vor lauter Edelsteinen. Ich als Bauer könnte wohl mein Lebtag lang arbeiten und mich schinden, daß die Knochen krachen: Zu einem solchen Luxus würde ich es wohl nie bringen.«
Bald darauf ist ein Diener gekommen und hat dem Bauern gewunken: Er soll mitkommen hinauf, zum Hausherrn.
Der Hausherr ist ein reicher Kaufmann gewesen. Seelenruhig ist der in seiner Kammer auf einer Ottomane, also einem Sofa, gesessen, hat eine Tasse Tee getrunken und seine Pfeife geraucht.
»Was bekommst du für das Holz?« hat er den Bauern gefragt.
»So und so viel« hat der Bauer gemeint.
Da hat der Kaufmann mit spitzen Fingern in einen Sack neben der Ottomane hinein gegriffen und dem Bauern ein paar Münzen zugeworfen.
»Reicht das?«
»Ja« hat der Bauer gesagt, »das langt.«
Der Diener hat den Bauern daraufhin wieder hinunter gebracht. Über eine prächtige Marmortreppe sind sie zurückgegangen in die Halle.
»Jetzt sag einmal« hat der Bauer da zum Diener gesagt, »was macht dein Herr, daß er zu einem solchen Reichtum kommt?«
»Das ist ganz einfach!« hat der Diener gesagt, »Er sitzt auf seiner Ottomane, raucht seine Pfeife, trinkt seinen Tee und wartet darauf, daß ihm seine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.«
»Das ist ein Beruf für den Sohn von meiner Mutter!« hat der Bauer da gerufen, »Das gefällt mir! So werde ich es künftig auch machen!«
Vergnügt hat sich der Bauer daraufhin in der Stadt guten Tee, eine Pfeife und etwas Tabak gekauft. Guter Dinge ist er daraufhin heimwärts gezogen.
Zu Hause hat ihn schon seine Frau erwartet.
»Du bist so vergnügt, Mann« hat sie zu ihm gesagt, »hast du das Holz gut verkaufen können?«
»Ja, Frau« hat der Bauer gesagt, »und das Beste ist: Bald wird auch uns das Glück lachen!«
»Wo hast du denn das Geld?" hat ihn die Frau gefragt, »Hast du zu essen und zu trinken gekauft?«
»Viel besser, Frau! Ich habe Tee gekauft, eine schöne Pfeife und etwas Tabak.«
»Was?« hat die Frau da gerufen, »Habe ich das richtig gehört? - Tee, eine Pfeife und Tabak hast du gekauft? - Bist du denn verrückt geworden, Mann? - Drinnen in der Stube jammern die Kinder vor lauter Hunger - und du kaufst dir Tee, Tabak und eine Pfeife?«
»Das verstehst du nicht, Frau« hat der Bauer gesagt, »ich werde mich jetzt in die Stube auf die Ofenbank setzen, einen guten Tee kochen, die Pfeife stopfen - und dann warte ich darauf, daß mir meine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.«
Wie die Bäuerin das gehört hat ist sie schier verzweifelt. »Der arme Mann« hat sie zu sich selber gesagt, »die viele Arbeit hat ihn um den Verstand gebracht. Jetzt zählt sich zu unserer Not noch das Elend. Wir haben einen Narren im Haus. So hat sie ihn machen lassen.
Wirklich hat sich der Bauer einen kräftigen Tee gekocht, die Pfeife gestopft und sich auf die Ofenbank gesetzt. »So« hat er dann zu sich selber gesagt, »jetzt lasse ich es mir gut gehen und warte darauf, daß mir die Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.« Bald hat er beim Tee getrunken, dann wieder an der Pfeife gezogen. Seelenvergnügt ist er da gesessen.
Der Esel ist derweil draußen vor dem Haus gestanden. Dort hat er in der Wiese gegrast. Da kommt der Nachbar daher. Der war durch und durch ein Geizhals. Sich selber hat er rein gar nichts gegönnt und den anderen erst recht nichts. Nicht einmal einen Esel hat er gehabt, der ihm bei der Arbeit geholfen hätte. Jetzt ist der Nachbar gerade am Weg zu einer Torfgrube gewesen. Dort wollte er Torfziegel für einen Anbau an seinem Haus abstechen. Wie er da den Esel gesehen hat, da hat er zu sich selber gesagt: »Der kommt mir gerade recht! Mein Nachbar braucht den Esel jetzt sowieso nicht. Da werde ich ihn mir ausleihen. Er soll mir helfen die Säcke mit den schweren Torfziegeln zu schleppen.«
So hat der Nachbar den Esel einfach mitgenommen zu der Torfgrube. Dort hat er die Torfziegel abgestochen und in Säcken verstaut. Die Säcke hat er dann dem Esel aufgeladen.
Der Nachbar ist fast schon fertig gewesen mit seiner Arbeit. Da stößt sein Spaten mit einem Mal auf etwas Hartes. »Was ist denn da im Torf versteckt?«. Schnell hat er weiter gegraben. Eine Kiste kommt zum Vorschein. »Was wird denn da drin sein?« Hastig hat der Nachbar den Torf rund um die Kiste weg geputzt. Schließlich hat er wirklich den Deckel aufgebracht. Und was kommt da zum Vorschein!? - Ein prächtiger Goldschatz! Dem Nachbarn sind schier die Augen herausgekommen vor lauter Gier. Geschwind hat er überlegt: Wenn er jetzt den Goldschatz hebt und heim bringt, dann sehen alle wie reich er jetzt geworden ist. »Bestimmt sind mir die anderen den Schatz dann neidig» hat er zu sich selber gesagt. Er hat ja auch den anderen jedes noch so kleine Glück geneidet. Da ist ihm eingefallen, daß er den Schatz in den Säcken verstecken könnte. So hat er sie wieder ausgeleert und statt dem Torf den Schatz eingefüllt. Oben drauf hat er etwas Torf gegeben. Jetzt war vom Schatz nichts mehr zu sehen.
Nach und nach ist ein Sack nach dem anderen voll geworden. Zu guter Letzt waren sie alle angefüllt. Der Esel ist schwer beladen dagestanden. In der Kiste ist aber immer noch ein Haufen Gold gewesen.
»Was soll ich nur tun?« hat der Nachbar zu sich selber gesagt, »Bringe ich die vollen Säcke nach Hause um sie auszuleeren, dann kommt in der Zeit vielleicht an anderer und nimmt mir das, was noch in der Kiste ist.« Lange hat er überlegt. Schließlich ist er noch einmal hinuntergestiegen in die Torfgrube. Voller Habgier hat er sich jetzt auch noch die Hosentaschen mit dem Schatz angefüllt. Bald hat er auch da nichts mehr hineingebracht. So hat er das Gold und die Edelsteine beim Hemdkragen und überall dort, wo noch ein bißchen Platz gewesen ist hineingestopft.
Wenn die Habgier zu groß wird, dann ist das Unglück aber oft nicht weit. Mit einem Mal haben die Wände der Torfgrube nachgegeben. Sie sind eingestürzt und haben den habgierigen Nachbarn unter sich begraben. In seiner Gier ist er umgekommen.
Der Esel ist derweil schwer bepackt dagestanden. Es rührt sich nichts mehr. So hat er sich langsam von selber auf den Heimweg gemacht.
Wie der Esel beim Bauernhaus angekommen ist, da hat ihn auch keiner beachtet. Keiner hat ihm seine schwere Last abgenommen. So hat er laut geschrien: Iaaahh! Iaaahh!
»Hast du denn nicht einmal den Esel abgeladen?« hat die Bäuerin zu ihrem Mann gesagt, »Geh hinaus, und mache wenigstens das!«
»Nein, nein! Ich bleib' da sitzen, trink' meinen Tee, rauche meine Pfeife und warte darauf, daß mir meine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.«
»Der arme Mann!« hat die Bäuerin zu sich selber gesagt, »Den hat es aber gewaltig erwischt!« So ist sie schließlich selber hinaus gegangen um den Esel abzuladen. Aber was ist denn da in den Säcken? - Lauter Torf!
»Mein Mann muß wirklich verrückt geworden sein« hat die Bäuerin da zu sich selber gesagt, »warum hat er nur den vielen Torf mit nach Hause gebracht. Wir können doch gar nichts damit anfangen!?« Sie ist mit dem Esel hinters Haus gegangen. Dort wollte sie die Torfsäcke beim Misthaufen ausleeren. Aber was kommt da zum Vorschein! Gold über Gold, funkelnde Edelsteine, ein prächtiger Schatz!!!
Die Bäuerin hat kaum glauben können, was sie da gesehen hat.
»Mann, komm geschwind heraus!« hat sie gerufen, »Schau dir an, was wir da haben!«
»Nein, nein!« hat der Bauer gesagt, »Ich bleib da sitzen, rauch' meine Pfeife, trink' meinen Tee und warte darauf, daß mir meine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt!«
Lange hat die Bäuerin reden und betteln müssen. Endlich ist es dem Bauern recht geworden und er ist schließlich doch gekommen.
»Jetzt schau dir diesen prächtigen Schatz an!« hat die Bäuerin zu ihm gesagt, »Weißt du von wo das kommt? Oder weißt du vielleicht, was das ist!?«
Da hat der Bauer nicht lange überlegen müssen: »Meine liebe Frau, von wo das kommt, das weiß ich nicht. Was das ist aber, daß weiß ich genau: So ist es eben, wenn einem seine Schicksalsfrau einmal den goldenen Glücksfaden zuspinnt.«
Der Bauer und seine Frau haben jetzt ein gutes Leben in Wohlstand und Zufriedenheit gehabt. An nichts hat es ihnen gefehlt.
Ist aber einmal ein Hausierer oder ein Bettelweib gekommen, dann haben sie gerne gegeben. Sie haben ja gewußt, wie hart es sein kann, wenn einem die Not drückt. Ihnen hat zu ihrem Glück nichts mehr gefehlt.
Geb aber Gott, daß uns unsere Schicksalsfrau auch einmal den goldenen Glücksfaden zuspinnt. Man muß es halt nur erwarten können.