Diese wild-wuchernde Vielfalt die wir mit dem Begriff »Wald« zusammenfassen, prägt seit Jahrtausenden unseren Planeten, und damit auch die Vorstellungswelt und das Leben der Menschen. Seine schier undurchdringliche Pflanzenwelt, die unüberschaubare Weite und die Vielfalt der Lebewesen, die drin wohnen: Der Wald war ein Bereich, der sich seit jeher der Kontrolle durch den Menschen entzog - ein geheimnisvoller Ort an und in dem vieles für möglich gehalten wurde und wird. Kein Wunder, dass der Wald in Mythen, Sagen und Märchen das Bild für die Welt an sich wurde.
Ein Bild für die Welt, die trotz aller Informationsflut, oder vielleicht gerade deshalb in ihrer Gesamtheit doch immer unüberschaubar und in vielen Winkeln geheimnisvoll bleibt. Hier kann man sich leicht verirren, wie der König im burgenländischen Volksmärchen »Der Weiße Wolf«. Es lauern überraschende Gefahren, aber auch ungeahnte Möglichkeiten. Hier lebt der grüne Jäger, der als innerer (Seelen)Führer auf der ganzen Welt in den verschiedensten Überlieferungen auftaucht. Hier ist auch der »Wundermann« im gleichnamigen steirischen Volksmärchen zuhause, und die helfende Waldmutter im Zaubermärchen »Vom Hahnengiggerl«. Im Wald suchen die Heldinnen und Helden des Märchens einen Neubeginn: »Weinend ging das Mädchen fort und in den dunklen Wald hinein«, heißt es im Tiroler Zaubermärchen vom »Zistl im Körbl«. Vater und Mutter sind gestorben, das Haus verkauft um die Schulden abzudecken. In ihrer Not stellt sie fest: »Wenn die Menschen mich verlassen, so werden mir wohl Hasen und Rehe ein Winkelchen bei sich gönnen.«
Der Wald als schützende Zuflucht vor Unmenschlichkeit. Hier gelten menschliche Gesetze und Konventionen nicht mehr. Heldin und Held sind auf sich allein gestellt. Jetzt kommt es auf die wirklichen Werte an. Es heißt sich zu bewähren. Da zeigen die sogenannten Außenseiter, wie der »Saunigel«, wo ihre Stärken liegen. Die Botschaft zwischen den Zeilen ist einfach und klar: Wer sich einlässt auf das, was natürliche Erscheinungsformen - wie Zwerg, Fee, Hexe oder Tiergestaltige - zu sagen haben, gewinnt nicht nur an Klugheit und Erfahrung, sondern auch an hilfreichem Wissen für den eigenen Lebensweg. Wer abblockt und sich verweigert, zahlt selber drauf. Das Wirken der Kräfte in der Welt bleibt ihm oder ihr verborgen.
Im Wald hausen auch die wilden Tiere. Glücklich, wer es versteht, statt gewaltsam mit Gespür, Einfühlungsvermögen und Geschick vorzugehen. Wem es gelingt sie zu Freunden zu machen, dem/der erschliessen sich ungeheure Kräfte. In der Waldviertler Mythe »Von den zwölf Brüdern« brummt der Bär: »Denk an mich, wenn Du in Not bist - und ich werde dir beistehen!« Wer kann solche Kraftquellen nicht brauchen!? Im Wald der wie im richtigen Leben die Welt bedeutet gibt und gilt es sie zu finden. Wirklich! HeWi